Textbeispiele Journalismus

September 2017; Tanznetz.de

DIE SEELEN WANDERN WEITER

Der Butoh-Tänzer und Choreograf Tadashi Endo feiert seinen 70. Geburtstag mit der Uraufführung von „HA Dô“ im Jungen Theater Göttingen


Eine traumhaft schöne wie morbid-bewegende Bilderfolge als Hommage an die Menschen, die über das Mittelmeer fliehen.

Nicht nur der Geburtstag des in Göttingen lebenden, international bekannten japanischen Butohtänzers Tadashi Endo wurde mit „HA Dô“ gefeiert, sondern auch das Jubiläum des Butoh Centrums MAMU, das Endo mit seiner Frau Gabriele seit 25 Jahren in Göttingen leitet. Geradezu krönend war gleichzeitig die Ernennung Tadashi Endos zum Ehrenbürger der Stadt Göttingen.

„HA Dô“ bedeutet Wasser, Bewegung und setzt sich inhaltlich mit der Migration der Menschen aus Afrika und Syrien auseinander. Vor allem aber zeigt sich dieses Tanztheaterstück als eine berührende Hommage an die Menschen, die über das Mittelmeer vor Hunger und Krieg fliehen. Zu tragenden Klavierklängen (Komposition: Daniel Maia aus Brasilien) betritt Tadashi Endo die Bühne und scheint nach etwas zu greifen, das schmerzt. Endo ist der einzige, der in „HA Dô“ Solo tanzt. Wie eine Art Geschichtenerzähler führt er zu Anfang des Abends in das Stück ohne Worte ein. Im schwarzen Gewand, die grauen langen Haare offen, mutet er in seinen zeitlupenhaften Bewegungen mal wie eine Frau, mal wie ein Mann an. Dann wieder erscheint er wie ein junges Mädchen und in der nächsten Bewegungssequenz wie ein Greis. Mal erinnern die Bewegungen an eine Marionette, dann an einen Kämpfer, der wiederum im nächsten Augenblick zum Geschlagenen wird. Die unterschiedlichen Figuren fließen in- und auseinander – in einem ständigen Auf und Ab zwischen Freude, Staunen und Schmerz.

Beobachtet man einen Butohtänzer, so ist es manchmal wie der Blick in einen Spiegel. Im Butoh wird der tanzende Körper – ähnlich einer Filmleinwand – zur Projektionsfläche der Gefühle der Zuschauer, die schließlich durch den assoziativen Tanz beeinflusst werden. Dabei orientiert sich Butoh an dem, was dem Leben so grundlegend eigen ist: an Leben und Tod, Wachsen und Vergehen, Himmel und Erde, Fallen und Aufstehen. Auch die Mimik, die in den weiß und überzeichnet geschminkten Gesichtern oft an das leere Gesicht von Puppen erinnert, ist ein wichtiges Stilmittel.

Meeresrauschen fließt in die Klaviermusik ein und Tadashi Endos Bühnengesicht zeigt trauriges Entsetzen. Die Arme flehend Richtung Himmel ausgestreckt, verschwindet seine Figur und unter afrikanisch anmutenden Rhythmen erscheint nun das restliche HA Dô-Ensemble, das sich aus über 20 professionellen wie semiprofessionellen Tänzerinnen und Tänzern aus aller Welt zusammensetzt. Alle haben bereits an mehreren Workshops Endos teilgenommen.

Voller Lebensfreude wirbeln sie auf die Bühne, drehen sich, springen, tanzen ausgelassen in bunt-skurrilen Kostümen: Männer in Tupfenröcken, junge Frauen mit Schneckenköpfen und verrückten Frisuren. Mit einem Paukenschlag wird die Leichtigkeit jäh beendet und unter Donnergrollen, Sturm- und Wasserrauschen fallen die Menschen, kriechen, werden aufgehoben, in Armen gehalten, auf Buckeln geschleppt. In bewegenden Körper-Bildern und mit einer geschlossen-konzentrierten Bühnenpräsenz zeigt das Ensemble Elend und Angst, Schmerz, Entsetzen und Untergang. In einem plötzlichen „Freeze“ sehen wir einen schmerzvoll unter die Haut gehenden stummen Schrei.

Endos Gruppenbilder sind assoziativ, lassen aber keinen Zweifel daran, worum sie sich drehen: überfüllte Boote, Unwetter, Kenterungen, das Versinken im Meer und das Wandern der Seelen am Meeresgrund. Nackte Körper winden sich, schweben, schieben und zappeln. Butoh will immer auch die Schattenseiten unseres Daseins zeigen und spielt mit der Existenz von Seelen. „HA Dô“ zeigt die Schatten unseres Reichtums und will die Zuschauer zum Nachdenken bewegen.

Tadashi Endos Tanztheater gründet sich stilistisch nicht nur auf dem japanische Butoh-Tanz, sondern auch auf dem europäischen Ausdruckstanz, insbesondere von Mary Wigman und Pina Bausch. 1989 lernte Tadashi Endo die Butoh-Legende Kazuo Ohno durch die Teilnahme an einem seiner Workshops kennen. Er war fasziniert und wurde Butoh-Tänzer. Schon bald choreografierte er eigene Stücke und entwickelte den japanischen Butoh-Stil mit seinem persönlichen tänzerischen Ausdruck weiter. 1992 schließlich veranstaltete er das erste Butoh-Festival und holte in Folge zahlreiche berühmte Butoh-Tänzer nach Göttingen. Zeitgleich gründete er das Butoh Centrum MAMU, in dem er Menschen aus aller Welt den Butoh-Tanz lehrt. Tadashi Endo wurde international als Tänzer, Lehrer und Choreograf immer gefragter. In Deutschland machten ihn Film- und Opernprojekte mit Doris Dörrie bekannt, insbesondere aber der Film „Kirschblüten-Hanami“.

Tadashi Endo ist Theatermann und seine ursprüngliche Regieausbildung (ab 1973 am Wiener Max-Reinhard-Seminar) ist seinen Produktionen anzusehen. Mit einem Sinn für Bildwirkung und Licht (Licht und Ton: Heiner Wortberg) und einer gekonnt durchrhythmisierten Dramaturgie erschafft er auch in seiner jüngsten Produktion eine traumhaft schöne wie morbid-bewegende Bilderfolge. Die Qualität von Butoh ist, das Leben als einen ständig sich verändernden Prozess mit unzähligen Erscheinungen und Sichtweisen zu zeigen. In diesem Sinne ist „HA Dô“ eine tief unter die Haut gehende Inszenierung zu einem aktuellen Thema. Veröffentlicht am 04.09.2017, von Martina Burandt

Oktober 2016: Wochenzeitung DIABOLO:
Tiefgang ohne Schwere
Szenische Lesung nach Karl Ove Knausgårds Roman „Sterben“ im Kleinen Haus des Theater Bremens20.10.2016

Mit der Premiere von „Sterben“ startet das Bremer Theater ein besonderes Projekt; nämlich der Auseinandersetzung mit den sechs autobiografischen Bänden des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård. Mit der szenischen Lesung, die er mit Live-Musik und illustriertem Erzählen anreichert, erschafft Regisseur Frank Abt einen dichten Abend, der trotz tiefgehender Themen nie ins Schwere abdriftet.

Der norwegische Gegenwartsautor Karl Ove Knausgård macht in seiner sechsteiligen Roman-Reihe schonungslos sein eigenes Leben zum Gegenstand des Erzählens. Mit seinen Alltagsschilderungen und  Erinnerungen, sowie den darin verflochtenen philosophischen Seins-Fragen, zeigt er auf besondere Weise, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Regisseur Frank Abt, Schauspieler Robin Sondermann, Musiker Torsten Kindermann, Bühnenbildnerin Susanne Schubert und Dramaturgin Viktorie Knotkova suchten gemeinsam nach wandelbaren theatralen Formen, um das Publikum nach und nach neue Schichten und Themen der Knausgård-Romane entdecken zu lassen.
In „Sterben“, dem 1. Band, geht es vor allem um das Verhältnis von Vater und Sohn und wie sich dieses wie ein Schatten auf das ganze Leben werfen kann. Als Knausgårds Vater stirbt und er sich, zusammen mit seinem jüngeren Bruder, daran macht, den Nachlass zu ordnen, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Und nicht nur das lässt Erinnerungen hochkommen.
Die zweieinhalbstündige Inszenierung bringt schwere Themen eingängig auf die Bühne, wobei dies nicht nur in Tragik mündet, denn die Ehrlichkeit der Knausgård`schen Vorlage hat auch etwas befreiendes. Denn irgendwie ist jeder ein bisschen Knausgård und so beginnt Schauspieler Robin Sondermann mit den Worten „Ich bin Knausgård“, und das nimmt man ihm von Anfang an ab.
Die Schilderungen aus dem Alltag des Autors, über sein  Familienleben mit kleinen Kindern, die Gefühle zu ihnen und das Ringen darum, hierin seine künstlerische Arbeit zu verrichten, Raum für sich zu erobern, ist großartig und erscheint wie ein Kampf, den viele kennen. Die Schwarz-weißen, manchmal beweglichen Illustrationen von Megan De Vos, Jan Hamstra und Kalle Wolters, die mit einem Videobeamer auf große Leinwände geworfen werden, unterstützen die Lesung mit einer eindringlichen  Bildsprache.
Mit der Erinnerung an den Tod des alkoholsüchtigen Vaters beginnt Knausgårds Auseinandersetzung mit der Vater-Sohn-Beziehung. Da dreht es sich um Liebe, Distanz, Anerkennung, die Rolle der Mutter und um viele  widersprüchliche Gefühle, die durch die erste Erfahrung mit dem Tod neu aufleben. Zunehmend werden diese schmerzhaften Erinnerungen dialogisch und theatral gezeigt. So tritt der Musiker, Torsten Kindermann zunächst nur musikalisch ins Geschehen, wird dann aber mehr und mehr (und zwar auch schauspielerisch überzeugend!) zum jüngeren Bruder Knausgårds.
Zusammen sortieren sie nicht nur den gruselig-verwüsteten Nachlass ihres  Vaters, sondern auch ihre Kindheit - inmitten der Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens. Verstärkt wird das Nacherleben ihrer Erinnerungen durch zwei kindliche Alter-Egos. Nils Bischoff und Nicolas Hüchting erscheinen wie Schatten oder Geister; Stellvertreter der beiden Brüder als Schuljungen, verwoben in traumhaften Bildern, die sich immer wieder in die Gegenwart  schieben.
Die  ganze Inszenierung ist wie ein ruhiger Fluss, in einem gelungenen  Zusammenspiel von Lesung, Schauspiel, Musik und Bild angelegt. Allerdings wird der erzählerischen Dichte nach der Pause  durch ein wenig zuviel an Mitteln, die Kraft genommen. Unter dem Titel „Lieben“ steht am 16. März 2017 bereits die zweite Knausgård-Premiere fest. Und darauf ist man nach diesem ersten Teil sehr gespannt!

text | Martina Burandt
siehe auch: http://www.diabolo-mox.de/index.php?id=15--x---8660

„Sterben“
So. 23.10., Do. 10.11., Sa. 12.11., Di. 6.12.2016, Theater, HB, Infos: www.theaterbremen.de

Wovon träumst du nachts?

„Mosaik in der Nacht/Jurassic Trip“ am Oldenburgischen Staatstheater


Der dritte Tanzabend von Antoine Jully gibt tänzerisch wie musikalisch Anregungen zum Staunen. Wie bei einem Blick durch's Kaleidoskop, entstehen und verschwinden geschwind immer neue Bilder.


Man denkt an Zirkus, Varieté und Stummfilm beim ersten Teil des neuen Ballettabends „Mosaik in der Nacht“. Dabei gibt die Musik von Hugues Le Bars die Themenvielfalt vor. Mal muten die Klänge oder Melodien des französischen Musikers und Komponisten, der 2014 nach schwerer Krankheit im Alter von 64 Jahren verstarb, balkanisch an, mal afrikanisch, mal indisch, mal hört man Kinderstimmen oder Geräusche von Wasser. In Le Bars vielschichtigem Klanguniversum, das dadaistische Züge aufweist, taucht das achtköpfige Tanzensemble ein wie in eine traumgefüllte Nacht, in der alles immer wieder anders sein kann.

Und so erschaffen Choreografie und Ensemble zu dieser Musik eine überraschende Welt zwischen Traum und Realität. Da agieren Clowns zwischen Superhelden und verrückten Tieren, da tauchen indische Kathakalitänzer auf, da drehen Karussells, da wirbeln lachende Kinder herum und da werden Frauen in Burkas in einem Hamam heimlich beobachtet. Wie beim Blick durch ein Kaleidoskop entstehen auf der Bühne immer wieder neue assoziative Bilder und kleine Szenen aus Solos, Duos, Gruppenchoreografien – schnell und präzise, lebendig und wunderlich finden sie sich in großen und kleinen Gebilden und lösen sich wieder in nichts auf.

Bereits bei den beiden vorherigen Ballettabenden setzte Antoine Jully auf ein zweigeteiltes Programm. So geht es auch bei seiner dritten Uraufführung in Oldenburg nach der Pause mit etwas Neuem weiter: „Jurassic Trip“ nach der Musik von Guillaume Connesson knüpft musikalisch an Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ an. Die hier getanzten Bilder sind, wie bereits vor der Pause, traumhaft und wie aus fremden Welten, doch durch die Musik des 1970 geborenen, mehrfach ausgezeichneten französischen Komponisten sowie durch die imposanten Kostüme (Judith Adam) entsteht ein ganz neuer Eindruck.
In glänzend schwarzen, hautengen Anzügen und darüber getragenen Capes, die an Knochen, Wirbelsäulen, Kiemen erinnern, zeigen die Tänzerinnen und Tänzer Bewegungen von Kreaturen aller Art. Sie zeigen heutige oder jene längst vergangenen Zeiten. Zusammen mit diesen Wesen zieht das Publikum durch fremde Landschaften, Meere und Wälder. Dabei ist diese Welt nicht immer nur sanft und schön: Denn „Fressen und gefressen werden“ gehört zu dieser Welt dazu.

Choreograf und Kompanieleiter Antoine Jully räumt auch mit seinem dritten Programm seit Spielzeitbeginn 2014 mit Vorurteilen vom strengen und verstaubten Ballett auf. Sein junges Ensemble verspritzt eine unverbrauchte Energie mit Mut zu neuen Ideen und Formen. Frei und spielerisch wirkt die Kompanie in ihrem Ausdruck und macht so die Choreografien sehr lebendig. Dem Premierenpublikum scheint dies großen Spaß zu machen. Es bedankt sich für diesen Abend mit überschwänglichem Applaus.

 

Martina Burandt, veröffentlicht am 16.04.2015 in www.tanznetz.de und Diabolo/Oldenburg

 

 

 

Die Welt: Ein ewiges Schaukeln

 

In ihrem Dokumentarfilm „Vom Schaukeln der Dinge“ portraitiert Beatrix Schwehm den Schauspieler Rudolf Höhn

 

Die Arme ineinander verschlungen, die Köpfe in der Mitte zusammen gesteckt, stehen die Rugby-Spieler im Kreis und bündeln ihre Kräfte. Das Spiel beginnt:  Rennen, fangen, rammen, stürzen. Schwitzende Männerkörper, Dreck und Schlamm. Rugby hat seine eigene Choreografie, sagt man. Am Spielfeldrand steht Rudolf Höhn mit roter Schlägerkappe und schaut zu. „Auf dem Rugby-Platz fühl ich mich leicht, leicht, leicht.“, sagt er. „Ich hoffe, dass etwas von der unverschämten Gesundheit dieser jungen Männer auf mich rüberspringt.“

 

Bereits im Jahr 2004 feierte die Bremer Produktionsfirma Trifilm mit ihrem Fernsehfilm „Dritte Halbzeit“ Premiere. Auf die für Arte konzipierte Dokumentation über den Schauspieler Rudolf Höhn wurde damals auch der Berliner Kinofilmverleih Ventura sowie die Hamburger Filmförderung aufmerksam. Mit zusätzlicher Unterstützung von Nordmedia und Radio Bremen, konnte der Film, der am 16.November Bundesstart hat, auf eine 80-minütige Kinofassung gebracht werden. Mit dem neuen Titel „Vom Schaukeln der Dinge“ feierte er am Wochenende mit Machern und Akteuren in der Bremer Gondel eine neue Premiere.

 

„Mit dreizehn überragt er alle. Er ist 1,98 Meter groß.“, hören wir den Off-Text, mit sonorer Stimme gesprochen von Schauspieler und Ex-Company-Mitglied Peter Kaempfe. „Mit 20 verlässt er die Schweiz gegen den Willen seiner Eltern. Er wird Shakespeare entdecken.“ Der 1948 geborene Schauspieler, Kabarettist, Autor und Rugby-Fan Rudolf Höhn ist in Bremen stadtbekannt: Von seinen früheren Rollen bei der Bremer Shakespeare Company oder von seinen im Fernsehen übertragenen Kabarettnummern als Mitglied der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Derzeit spielt er bei der neuen Produktion der Bremer Shakespeare Company „Warten auf Godot“ den Lucky.

 

In dieser Rolle führt Rudolf Höhn einen genauso absurden wie passenden Namen.

Denn geübt in scharfzüngigem Humor und Provokation, erscheint uns das Wort Glück bei seiner Biografie selbst wie eine Provokation, stellt sie nicht genau dieses vehement in Frage. Denn, 1997, auf dem Höhepunkt seiner Karriere bricht für den damals 48-jährigen eine Welt zusammen. Man diagnostiziert bei ihm Morbus Parkinson.

 

Alles, was bis dahin sein Leben bestimmte, gerät ins Wanken. Doch anders

als viele Menschen, nimmt Rudolf Höhn die Erschütterung an. Als stachele sie seinen Widerstandsgeist nur an, erweckt  sie seine Leidenschaft für das Theater neu. „Ich muss mich nach außen orientieren, andere Themen finden, um der Krankheit die Chance zu nehmen, Macht über mein Leben zu bekommen.“, lautet seine Devise. Im Jahre 2000 gründet Rudolf Höhn bei der Bremer Shakespeare Company das Behinderten-Theater „Pschyrembel“. Außerdem wird er Pressesprecher des Bremer Rugbyclubs.

 

Schauspielerei und Rugby haben für Höhn viele Gemeinsamkeiten. Vor allem das Archaische reizt ihn: „Rugby weigert sich, wie das Theater, mit aller Vernunft gegen die moderne Zeit anzukommen.“, erklärt Rudolf Höhn im Film. „Beim Rugby und beim Theater sind Schmerz und Lust vereint. Das macht das Leben aus.“

 

Beatrix Schwehm zeigt mit „Vom Schaukeln der Dinge“ eine abwechslungsreiche wie einfühlsame Biographie einer ungebrochenen Persönlichkeit. Für ihren Film begleitete sie Rudolf Höhn einen Sommer lang in die vielfältigen Bereiche seines Lebens: Die Kindheit in der Schweiz, das Leben im Theater gestern und heute mit Pschyrembel sowie die Tage beim Rugby oder bei einer äußerst amüsanten dramaturgischen Beratung von zwei Pastoren, wie sie ihren Gottesdienst interessanter gestalten können.

 

Das Portrait ist aus aktuellen Aufnahmen, Archivmaterial aus TV und Theater, Interviews mit Weggefährten  sowie gestellten, assoziativen Szenen zusammengesetzt, in denen Schwehm Situationen nachstellt - teilweise in Zusammenhang mit eigenen Texten von Höhn, was das Gesamtbild seiner Figur auf poetische Weise vervollständigt. Dabei fließen seine alltäglichen Beobachtungen und Erlebnisse als Parkinson-Patient mit ein, was den Zuschauern eine andere Perspektive auf die Welt eröffnet.

 

Dieser sehr persönliche Film interessiert sich zutiefst für das Lebensthema eines Menschen. Dabei vermittelt er dennoch eine gewisse Allgemeingültigkeit. Denn Rudolf Höhns Schicksal steht exemplarisch für viele andere. Nur macht seine Geschichte  darüber hinaus Mut.

 

Martina Burandt , abgdruckt in Weser Kurier und Diabolo Oldenburg 2006

 

 

Einsame Herzen mit leeren Taschen

 

„Der Mann ohne Vergangenheit“ von Aki Kaurismäki

 

Steht der Mann (Markku Peltola) vom Toten— oder vom Krankenbett auf? Mit seinem grotesken Kopfverband erinnert er erschreckend an einen Frankenstein-Versuch. Er rückt sich die dick verbundene Nase gerade, um dem Krankenhaus, in dem man ihn bereits fürs Kühlhaus vorgemerkt hat, zu entfliehen. Doch so wie man ihn zugerichtet hat, wird er in dieser Welt keine große Chance mehr haben. Dass er bei dem nächtlichen Raubüberfall, neben seiner Brieftasche, auch sein Gedächtnis verloren hat, macht ihn gänzlich zu einem Nichts. „Keine Papiere, kein Name, kein Geld: Du bist ein Nichts.“, wird er später noch hören.

 

Zwei Jungs finden ihn zusammengebrochen am Ufer eines Hafenbeckens. Auch sie halten ihn zunächst für tot. Aber ihre Eltern, Nieminen und seine Frau Kaisa, kennen sich mit solchen Situationen aus. Fernab von der Geschäftigkeit und den glänzenden Schaufenstern Helsinkis, leben sie unter den Ärmsten der Armen in einer Containersiedlung im Hafen.

Nieminen und Kaisa nehmen den Fremden  vorübergehend in ihre Obhut. Als er sich erholt hat, beginnt er sich hier ein neues Leben aufzubauen. Denn an das alte kann er sich einfach nicht mehr erinnern.

 

„Freitags gehen wir auswärts essen“, erklärt sein neuer Freund Nieminen  selbstverständlich und in Schale geschmissen. Nach einem kleinen Fußmarsch erreichen sie die Armenküche der Heilsarmee. Hier tauscht der Namenlose mit der Heilsarmistin Irma (Kati Outinen) vielversprechend lange Blicke aus. Er findet ihre Suppe zu salzig, sie sein Aussehen lausig. Beste Voraussetzungen für einen geraubten Kuss und den Beginn einer Liebesgeschichte voll spröder Romantik und der Aussicht auf tiefe Leidenschaft.

 

Die Juke-Box spielt Blues und Rock`n Roll, die Stimmung steigt. Durch seine Musikvorlieben kommt der Fremde auf die Idee, die verschlafene Heilsarmee-Band zu einem neuen Sound zu bewegen. „Ich könnte auch Band-Manager sein“, versucht er seine Identität neu zusammenzusetzen. Eines Tages beginnt er sich dunkel zu erinnern. Doch dann gerät er versehentlich in einen Banküberfall ...

 

„Der Mann ohne Vergangenheit“ des finnischen Filmemachers Aki Kaurismäki („Leningrad Cowboys Go America“) ist ein modernes Märchen. Die Dinge, die in diesem Film passieren, erscheinen so vertraut wie fremd und besitzen einen entblößenden Realismus, wenn es sich um die Profitgier und Engstirnigkeit der Menschen auf der etablierten Seite des Lebens dreht. Geschickt verfremdet Kaurismäki die Realität mit dem Einsatz kräftiger Farben, die an alte Technicolorfilme erinnern. Die auf das Wesentliche beschränkten Charaktere der Protagonisten wirken fast stilisiert und bleiben dennoch sehr menschlich. Ihre zum einen schnörkellos-klaren zum anderen eigenwillig-poetischen Dialoge bewirken eine entlarvende Situationskomik sowie betörend melancholische Momente.

 

Kaurismäkis Vorliebe für Rockmusik zeigt sich in seinem neuen Werk mit alten Renegade-Hits, Bluesnummern von Blind Lemmon oder den Songs der finnischen Band „Marko Haavisto & Poutahaukat“. Bereits in seinen Filmen „Wolken ziehen vorüber“ und „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ arbeitete Kaurismäki mit Pautahaukat zusammen Die Truppe, die Rock`n Roll, Country und finnische Popmusik zu ihrer Tradition zählt, spielt auch für den Inhalt des Films eine wichtige Rolle. Ihr Werdegang von einer schüchternen Heilsarmee-Kapelle zu einer, zwar ebenso melancholischen, dafür aber selbstbewussten Bluesrock-Combo läuft mit der Selbstfindung des namenlosen Hauptdarstellers einher. Mit der Gesangs-Begleitung von Anniki Täthi, einer der bekanntesten und beliebtesten alten Damen der finnischen Unterhaltungsmusik, kommen wir in den Genuss äußerst herzzeißender Nummern, beispielsweise „Kleines Herz“, einen Schlager von 1939, den sie voller Schmelz vorträgt.

 

„Der Mann ohne Vergangenheit“ wurde bei den diesjährigen Festspielen in Cannes zweifach ausgezeichnet. Dieser wunderbare Film zeigt berührend und erheiternd, dass Nächstenliebe, Solidarität und finanzieller Mangel nicht jeden zum naiven Vollidioten machen muss und dass jedes menschliche Herz Stolz und Würde besitzt - und sind seine Taschen noch so leer.

 

Martina Burandt, veröffentlicht in Weser Kurier und M-Menschen machen Medien/Verdi 2002

Foto: Jörg Landsberg

Rock den Kafka!

 

In einem szenischen Rockkonzert bringt das Theater Bremen „Das Schloss“ nach Franz Kafka, zusammen mit der Prager Kafka Band, auf die Bühne

 

Mit „Das Schloss“ startete man im Großen Haus vom Theater Bremen in die neue Spielzeit und bleibt damit seinem  mutigen Interesse an neuen Formen des Theaters treu. Hausregisseur Alexander Riemenschneider inszenierte den Stoff,  nach dem unvollendeten Roman von Franz Kafka, als szenisches Rockkonzert mit der Prager Kafka Band.

 

Erschöpfung und Fremdsein lauten die Themen der Inszenierung von Alexander Riemenschneider, die sich an die Bearbeitung des Kafka-Stoffes von Jaroslav Rudiṧ hält, einem der bekanntesten tschechischen Schriftsteller jüngerer Generation.

Zusammen mit der Prager Kafka Band und einem vierköpfigen Schauspielensemble erarbeitete er einen knapp zweistündigen außergewöhnlichen Musiktheaterabend.

 

Inmitten einer weißen Halbkugel, die am äußeren Rand hell erleuchtet ist (Bühnenbild von David Hohmann!), steht die Kafka Band, gekleidet in schwarz-weiß. Vor ihnen  sind drei Laufbänder in den Bühnenboden eingearbeitet, auf denen die Schauspieler Franziska Schubert, Guido Gallmann, Johannes Kühn und Alexander Swoboda immer wieder bis zur Erschöpfung ins Nichts laufen, während sie Kafkas Geschichte erzählen.

 

Seinen letzten Roman „Das Schloss“ begann der schwerkranke Franz Kafka im Januar 1922 in einem Dorf im tschechischen Riesengebirge. Die Kälte des langen Winters und die Fremdenfeindlichkeit der Dorfbewohner inspirierten ihn zu der Geschichte von K., einem einsamen, geflüchteten, getriebenen Menschen, der die Regeln dieser Region und seiner Bewohner nie verstehen wird. Das nahe Schloss, in dem er einen Auftrag zu bearbeiten hat, erreicht er nie. Immer kurz vorm Ziel gibt es eine Wendung, die ihn wieder vom Weg abbringt. K. läuft und läuft und handelt und macht, kommt aber nie an.

Wie Kafka selbst und auch seine Figur K. irgendwann zusammenbricht, bricht auch die Geschichte mitten im Satz ab –offensichtlich aus völliger Erschöpfung.

 

Begeistert von dem Stoff, vertonten 2013 der Schriftsteller Jaroslav Rudiš und der Zeichner und Musiker Jaromír 99 „Das Schloss“, gemeinsam mit einigen der besten und bekanntesten Musiker Tschechiens, die sich in der Kafka Band zusammenfanden.

Anders als die meisten Interpretationen, die in „Das Schloss“ allein eine Kritik an einer blinden Bürokratie sehen, waren die beiden viel mehr an der Geschichte des Geflüchteten und Getriebenen interessiert. Darüber hinaus macht folgender Satz die Aktualität des Stoffes deutlich: „Sie sind nicht aus dem Dorf, sie sind nicht aus dem Schloss, sie sind nichts - leider sind sie aber doch etwas: ein Fremder, einer, der überzählig und überall im Weg ist.“

 

So lieferte der Roman die Songtexte für das Projekt, wobei sich hier Kafkas deutsche Sprache mit dem Tschechischen mischt, genauso wie sich Sprechen mit Gesang abwechselt und wie Riemenschneiders Inszenierung - der Handlung geschickt angepasst - szenisches Spiel und Musik miteinander verwebt. Schauspieler und Musiker ergänzen sich dabei harmonisch und überzeugen in ihrem entspannten Miteinander mit einer kunstvoll angelegten Authentizität.

Die Musik erinnert ein wenig an das Lakonische von „Element of Crime“. Sie ist gleichzeitig rau und sanft, dabei  intellektuell, sehr cool und besitzt die ausreichende Prise Düsternis. Eine sprachen- und grenzüberschreitende  Inszenierung, die inhaltlich, visuell, schauspielerisch und musikalisch überzeugt.

 

Martina Burandt, veröffentlicht in Diabolo / Oldenburg, KW 39-2015, siehe auch unter http://www.diabolo-mox.de

 

Am 26.Septemer; 2., 7., 18. Oktober 2015 im  Theater am Goetheplatz, Bremen

 

Foto: Jörg Landsberg

Bremen

MACHT UND IRRSINN

Premiere des Bremer Tanztheaters: „Einer flog über das Kuckucksnest“


Das Bremer Tanztheater hat sich, mit einer Choreografie von Samir Akika, erneut einem Filmstoff genähert. In Zusammenarbeit mit Tänzern des Street Dance-Labels Renegade liefert dieser Tanztheaterabend verrückt-verdrehte Bilder.


Von Martina Burandt

Ken Keseys Roman gilt als eine Parabel über die Mechanismen totalitärer Gesellschaften. Er konfrontiert seine Leserschaft mit einem ebenso komischen wie erbarmungslosen System von Überwachung und Strafe. Kesey traf damals, Anfang der 1960er Jahre, den Zeitgeist der amerikanischen Gegenkultur; es war die Zeit zwischen Vietnamkrieg und Watergate-Affäre.

Erzählt wird die Geschichte des simulierenden Draufgängers McMurphy, der sich einer drohenden Gefängnisstrafe durch die freiwillige Einlieferung in die Psychiatrie entzieht, doch damit am Ende erbarmungslos scheitert. Durch die Verfilmung des Stoffes durch Miloš Forman, erlangte Keseys Roman schließlich Weltruhm.

Die Bühne des kleinen Hauses des Theater Bremen wirkt mit ihren unterschiedlichen Rampen und Ebenen in Metall und Grau wie eine futuristische Skateanlage. Im Hintergrund legt Lotte Rudhart im Outfit der strengen Krankenschwester die Hand auf ein grünes Anstalts-Licht, als würde sie an diesem Ort ihre körpereigenen Batterien aufladen. Im Vordergrund tanzt ihr Gegenpart, der indianische Psychiatrie-Patient Bromden (getanzt von Freddy Houndekindo) eine bizarre Mischung aus Verzweiflung, Gefangenschaft, Schmerz und Wut. Seine Figur steht in der Geschichte für die Wiedererweckung des Glaubens an die Befreiung aus der selbstauferlegten Machtlosigkeit in einem System permanenter Macht und Bedrohung.

Nach und nach kommen alle anderen Psychiatrieinsassen auf die Bühne und bieten zunächst ein erstaunliches Panoptikum an Kuriositäten und Ticks. Besonders bei den Renagade-Tänzern zeigen sich diese oft in bestechender Street-Dance-Akrobatik. Mit dem Eintreffen von McMurphy (überzeugend rebellisch: Frederik Rohn) nimmt die bekannte Geschichte ihren Lauf. Es folgen für Filmkenner immer wieder bekannte Bilder, wie die musikalisch unterlegte „Medikamentenausgabe“ bis hin zum tänzerisch und gestisch interessant gelösten Basketballspiel. Das 10-köpfige Ensemble findet hierbei viele verrückte Körperbilder für das Anstaltsgeschehen, wenn auch manche, besonders das Anstaltspersonal dabei holzschnittartig bleibt.

Samir Akika hat sich mit seiner Kompanie Unusual Symptoms, nach der Uraufführung von „Zeit der Kirschen“, in der er sich mit dem französischen Filmemacher Jacques Tati beschäftigte, erneut einem Filmstoff genähert. Doch wieso, fragt man sich am Ende der eineinhalbstündigen Vorstellung, muss etwas auf die Bühne, was es schon so perfekt in Literatur und Film gibt? Und vor allem dann, wenn der rund 50 Jahre alte Stoff um Macht, Machtmissbrauch, Revolte, System und Irrsinn nicht eine zeitgemäße inhaltliche Interpretation erhält?

Immerhin bietet doch die Vorlage in ihrem Nachdenken über geistige Gesundheit und unangepasstes Sozialverhalten, über das Leben „drinnen“ und „draußen“ und der sich daraus erschließenden weiteren Frage darüber, wer sich in unserer Welt eigentlich vor wem in Sicherheit bringen muss, ausreichend viele Themen. So findet Akika zwar tanzästhetisch einige interessante, verrückte, neue Bilder und einzig das Bühnenbild von Nanako Oizumi überzeugt mit einer heutigen Stimmung, doch bleibt die Inszenierung insgesamt in der Nacherzählung eines längst bekannten Stoffes hängen. Und das berührt wenig und wirkt am Ende nur wie ein Versuch, der unvergesslichen Filmvorlage gerecht zu werden.


 

Wochenzeitung DIABOLO:
Die ganze Stadt als Theater
Das 22. Internationale Festival der Straßenkünste „LA  STRADA“26.05.2016

 


Zum 22. Mal kommen die Künstler und Künstlerinnen aus der ganzen Welt nun in unsere Nachbarstadt, nach Bremen, um ihre Straßenkünste zu präsentieren. Wie in den vergangenen Jahren verwandeln sie mit Akrobatik, Musik, Tanz, Clownerie, Jonglage und Puppenspiel alltägliche Orte in der Innenstadt sowie in den Wallanlagen.  Neue Perspektiven, gedrosselte Geschwindigkeiten, ungewohnte Wege lassen Stadt und Kunst miteinander verschmelzen und Besucher*innen staunen.


Rund 20 Gruppen aus 11 Ländern werden in diesem Jahr 120 Shows zeigen. Für sein innovatives und unkonventionelles Programmkonzept ist „La Strada“ in Europa längst bekannt. Von ganz unten, aus der Stadtteilkultur,  wurde dieses bemerkenswerte Bremer Kulturprojekt 1994 für die Bremer Kulturinstitution „Quartier e.V. entwickelt. Als Sommerfest im Bremer Stadtteil Kattenturm begann LA STRADA mit vier bis fünf Straßenkünstlern. Die Idee begeisterte und so wuchs LA STRADA und wurde international. Im Expojahr 2000 wanderte das Festival in die Bremer Innenstadt. Heute besteht das LA STRADA-Kernteam aus sechs Mitarbeiter*innen, das sich in der Festivalwoche auf dreißig bezahlte und achtzig freiwillige Mitarbeiter vergrößert.
Künstlerisch gilt für LA STRADA, dass es nie dieselbe Performance noch einmal gibt. Immer versucht man, innovative Shows zu finden, welche die aktuellen Trends im Straßentheater zeigen. In diesem Jahr hat die La Strada-Macher weniger die Themenfindung beschäftigt, als das Problem, in der Bremer Innenstadt überhaupt Spielflächen zu finden. Rund um den Domshof, am Rathaus, am Liebfrauenkirchhof, vor der Stadtbibliothek sowie am Wall – überall dort, wo sich La Strada gewöhnlich ausbreiten kann, gibt es derzeit Baustellen. Not mach bekanntlich erfinderisch. Und so bietet das Eröffnungsprogramm die passende Antwort:
Am Donnerstag, den 9. Juni eröffnet das Theater Gajes mit „Agora Phobia“ das Festival auf dem Domshof. Mit optischen Tricks, fahrenden Großobjekten, agilen Darstellern und spannender Live-Musik lässt die Gruppe hier die perfekte Illusion einer Großbaustelle entstehen. Nervöse Bagger, geplatzte Wasserleitungen, visionäre Architekten, ambitionierte Politiker und akrobatische Handwerker kreieren wohl eine der skurrilsten und interessantesten Baumaßnahmen, zwischen all den anderen in der Innenstadt. Gefördert wird sie von der Sparkasse Bremen, als Geschenk für alle Besucher*innen.
Wie gewohnt geht bei La Strada am Ende jeder Aufführung traditionell immer der Hut herum! Für das Abendprogramm, die La Strada-Gala mit den Highlights des Programms, am 11.und 12. Juni im Theater am Leibnizplatz allerdings, müssen Karten erworben werden. (Restkarten gibt es an der Abendkasse!)
Freitag- und Samstagabend gibt es beim „Afterglow mit DJ Badre“ für die Besucher*innen noch die Möglichkeit, zu tanzen und „den Speck zu schütteln“ und zwar immer auf der Wiesenbühne am Wall. In der legendären „Lila Eule“ findet am Freitagnacht ab 23 Uhr die La Strada Aftershow Party statt (siehe unter www.LaStrada@Supragroove).
Zum ersten Mal wird in diesem Jahr ein BUTEN UN BINNEN EXTRA mit den schönsten Momenten der La Strada Gala am Montag, den 13. Juni von 18.15-19.30 Uhr im Radio Bremen Fernsehen gesendet.
Wichtig ist den Veranstaltern, dass dieses internationale Festival einen Beitrag zum friedvollen und toleranten Miteinander leistet. Dafür wirbt La Strada; es steht für andersartige Lebenskonzepte und weltumspannende Kultur. Dabei steht das gemeinsame Erleben immer im Mittelpunkt – bei einem  Programm, das auch diesmal wieder  verspricht, sinnlich und unkonventionell zu werden.

TEXT | Martina Burandt


LA STRADA
Do. 9.6. bis So. 12.6., verschiedene Orte, HB,
Programm: www.lastrada-bremen.de

Bremen

ALLES IM FLUSS

Premiere von „NEXTtoME“ von Máté Mészáros / Unusual Symptoms am Theater Bremen


Der junge ungarische Choreograf zeigt den Menschen im Spannungsfeld zwischen Autonomie und der Sehnsucht nach Nähe.

Von Martina Burandt

Mit „NEXTtoME“ stellt sich der junge ungarische Choreograf Máté Mészáros in Bremen erstmals dem deutschen Publikum vor. Thema seiner Choreografie, die er für das sechsköpfige Ensemble mit Tänzer*innen der Kompanie von Samir Akika sowie Gästen aus Ungarn und Belgien entwickelt hat, sind die Mechanismen und Dynamiken menschlicher Beziehungen sowie das Prinzip der Begegnung. Sie zeigt den Menschen im Spannungsfeld zwischen Autonomie und der Sehnsucht nach Nähe.

Zwei Tänzer und vier Tänzerinnen laufen hin und her, beäugen sich gegenseitig, halten inne und kommen wieder in Bewegung. Auf der Bühne des Schauspielhauses steht ein, aus Metallrahmen gefertigter offener Würfel, in den das Ensemble ein- und ausgeht - innen und außen begegnen sie sich. Ein daraus plötzlich entstehendes Duo beginnt schnell und geschmeidig zu tanzen. Ein Dritter kommt dazu und einer geht wieder weiter, zusammen mit den anderen, die gerade nicht beteiligt sind. Wenn vereinzelt Tänzer*innen wie Skulpturen im Raum innehalten, während sich irgendwo ein neues Solo, Duo oder Trio tänzerisch formiert, zeichnet „NEXTtoME“ durch die ständige Bewegung des Ensembles Bilder, die eine sich ständig verändernde Gemeinschaft darstellen.

In der Abhängigkeit von den anderen sowie in dieser ständigen Veränderung möchte Mészáros uns die Brüchigkeit unserer Lebenswelt sowie unserer individuellen Souveränität deutlich machen. Dabei sieht er unser Grundbedürfnis nach Nähe, Berührung und Gemeinschaft als selbstverständlich an und nicht als Verlust an Souveränität. Máté Mészáros tanzte jahrelang in weltberühmten Kompanien wie „Carte Blanche“ oder „Ultima Vez“, bevor er 2010 als Choreograf debütierte und seitdem als einer der interessantesten Nachwuchschoreografen der internationalen Tanzszene gilt.

Bei „NEXTtoME“ hält Mészáros alles in ständigem Fluss. Energien und Tempi wechseln schnell und die Körper der Tänzer und Tänzerinnen werden in den Begegnungen regelrecht zu Forschungsobjekten. Wie Atome rasen sie aufeinander zu oder stoßen sich ab. Körper werden gedreht, gezogen, geschoben, getragen oder weggeklatscht. Eine scheinbare Unberechenbarkeit lässt sie mal spannungsvoll flirren, oder wie nasse Lappen ineinander zusammensinken. Den Takt, das Tempo dazu geben, besonders im ersten Teil des 70-minütigen Tanztheaterabends, die fordernden Technoklänge (Musik: Sebastian Reuschel), die manchmal auch Clubatmosphäre erschaffen und dementsprechende Bewegungen herausfordern. Später tritt die Musik leiser mit Klangcollagen in den Hintergrund.

Die Bewegungssprache in „NEXTtoME“ setzt sich vordergründig aus Modern, Contact und Streetdance mit akrobatischen Einlagen zusammen. Das auffallend schöne Duo von Pilgyun Jeong aus der Bremer Tanztruppe und der ungarischen Gasttänzerin Nóra Horváth zeigt zudem gleichermaßen exakt, wie witzig und anrührend-zärtlich auch pantomimische Momente sein können. Beinahe ebenso herausragend tanzt Jeong mit der aus Helsinki stammenden Gasttänzerin Jenna Jalonen, wobei die Bewegungen hier, insbesondere bei der wirbelnden Jalonen immer wieder an die Grenzen körperlicher Möglichkeiten gehen.

„NEXTtoME“ bietet einen interessanten Tanztheaterabend, der an eine Versuchsanordnung erinnert, die in ihrem assoziativen Erzählstil nur Vages zeigt. Die Máté Mészáros nachgesagte konsequente Suche nach einer Formensprache innerhalb seines jeweiligen Themas hat hier zur Folge, dass die gezeigten Bilder irgendwann ausgereizt sind, wie nach einem erschöpfenden Training. Das lässt die Choreografie mitunter langatmig wirken. Gerade dann, wenn sie zu sehr im Außen, in der Form bleibt und dann eher verwundert als berührt. Auch die fehlende Homogenität des Ensembles macht diesen zwar anregenden und interessanten Abend letztendlich nicht wirklich rund.

Veröffentlicht am 30.05.2016, von Gastautor in Homepage, Gallery, Kritiken 2015/2016

http://tanznetz.de/blog/27582/alles-im-fluss

Oldenburg

MAGISCHE FARBSPIELE

BallettCompagnie Oldenburg zeigt „Imago Suite/4 Seasons”

 

Die erste Ballett-Premiere der neuen Spielzeit bringt einen Doppelabend: Eine Rekonstruktion der bemerkenswerten Choreografie von Alwin Nikolais überzeugt in einer grandiosen Einstudierung von Alberto del Saz. Dagegen bleibt „4 Seasons“ von Antoine Jully unausgereift.

 

Von Martina Burandt

Die erste Ballett-Premiere der neuen Spielzeit bringt wieder einen Doppelabend auf die Bühne: „Imago Suite“ (The City Curious), eine Rekonstruktion der bemerkenswerten Choreografie von Alwin Nikolais (1910-1993), überzeugt in einer grandiosen Einstudierung von Alberto del Saz. Dagegen bleibt „4 Seasons“ von Compagnieleiter Antoine Jully, zu den vom Opernchor a capella gesungenen unterschiedlichen Chorwerken, unausgereift und wohlwollend ausgesprochen, missverständlich.

Synthesizerklänge, Geräusche wie Pfeifen, Schwirren, ein Gong. Der Bühnenhintergrund wechselt von einem wunderschönen Indigoblau zu psychedelischer Farbenpracht. Davor stehen schwarze Gestalten mit merkwürdigen kleinen Kopfbedeckungen, die an winzige Zylinder oder Blumentöpfe erinnern. Im Lichtwechsel werden die Kostüme weiß, dann kunterbunt. Die Farbenpracht erinnert an die 70er Jahre, an Pop Art, die Geräusche imaginieren Großstadthektik und die Figuren scheinen einer anderen Welt entsprungen. Sie bewegen sich wie Spielfiguren auf einem Feld oder wie Teilchen einer größeren Ordnung, seien es Maschinen, Moleküle oder seltsame organische Gebilde, wie durch ein Mikroskop betrachtet.

In immer neuer Abfolge, mit immer neuen phantasievollen Ideen und Kostümen (allesamt Originale ihres Erschaffers) vor wechselnden effektvollen Bühnenbildern, die mit Licht, Schatten und Farbeffekten spielen, passiert dies in allen sechs Bildern der großartigen Choreografie von Alwin Nikolais. Die Bewegungssprache in „Imago Suite“ ist gleichermaßen synchron wie asynchron aufeinander abgestellt. Das Bewegungsrepertoire richtet sich an geometrischen Formen und an Räumen aus.

„Imago Suite (The City Curious)“ von 1963 zählt zu Nikolais' bekanntesten Werken. Neben der Choreografie kreierte er auch Bühnenbild, Kostüme, Lichteffekte und die Musik. Mit diesem Stück gastierte er in der ganzen Welt und schrieb Ballettgeschichte. Alwin Nikolais gilt als Vater des modernen abstrakten Balletts und als Pionier der amerikanischen Tanzgeschichte. Seine Ausbildungseinflüsse von europäischen Tanzgrößen wie Mary Wigman und Rudolf von Laban stellt Nikolais in einen transatlantischen Kontext des zeitgenössischen Tanzes.

In seiner Vorstellung vom „totalen Tanztheater“ definiert sich Nikolais' Bewegungskonzept erst im Zusammenspiel der unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen. Sein interdisziplinärer Ansatz ist in „Imago Suite“ gut veranschaulicht. Auch hier laufen die ästhetischen Grenzen des abstrakten Expressionismus, der Pop Art, der Malerei und der Video- und Lichtkunst ineinander. Vielfach vergrößerte Schatten der tanzenden Figuren sind auf vielfarbige Kulissen geworfen - ein beeindruckendes Spiel mit Groß und Klein. Wie in seinen anderen Arbeiten dominiert der Raum und die Bewegungen folgen den Erfordernissen der Raumebenen wie den visuellen und akustischen Effekten, was den Tänzerinnen und Tänzern ein Höchstmaß an Körperkontrolle abfordert.

Die BallettCompagnie Oldenburg ist die erste europäische Kompanie, mit der Alberto del Saz dieses Werk einstudiert hat. Del Saz, heute Co-Direktor der Nikolais/Louis Foundation for Dance Inc. in New York und früher Tänzer bei Alwin Nikolais, hat mit der Rekonstruktion in Oldenburg – zusammen mit dem äußerst präzise tanzendem jungen Ensemble - ein anregendes, ungewöhnliches und beschwingt-humorvolles Theatererlebnis geschaffen, das bei der Premiere mit vielen begeisterten Bravorufen aus dem Publikum honoriert wurde. Ein magisches Sinnenspiel, ein bunter Traum!

Antoine Jullys Idee, sein Ensemble in „4 Seasons“, dem zweiten Teil dieses Tanzabends, zu Chorwerken tanzen zu lassen, ist eine interessante und schöne Idee. Dazu entwickelte der Chefchoreograf mit den transparent-weißen Papierbahnen, die lang von der Bühnendecke hängen, auch ein ästhetisch ansprechendes Bühnenbild, das mit seiner Leichtigkeit, mit seinen grafischen und floralen Mustern genug Assoziationsraum bietet. Die vom Opernchor, unter der musikalischen Leitung von Thomas Bönisch meisterlich gesungenen Chorwerke von Paul Hindemith, Eric Whitacre, Pēteris Vasks und Max Reger geben die jeweilige akustische Jahreszeiten-Stimmung.

Doch Jully findet dazu keine entsprechende choreografische Bildervielfalt. Die Jahreszeiten sind in „4 Seasons“ kaum auseinander zu halten. Es fängt – wie bereits von anderen Werken Jullys gewohnt – verspielt und mit vielen klassischen Ballettformen an. Zusammen mit „Six Chansons“ von Hindemith entfalten einige der Duos und Trios, die gleichzeitig auf der Bühne getanzt werden, zunächst eine gewisse frühlingshafte Leichtigkeit und ausgelassene Turtelei.

Jully versucht, Objekte einzubauen, wie beispielsweise kunstrasenbezogene Rollbretter, Fähnchen, Äpfel, in die „sündige“ Frauen beißen, doch erweisen sich diese in ihrer plakativen Nutzung eher als überflüssig oder störend. Allein der Einsatz von Handglocken, welche die TänzerInnen zu Whitacres „Cloudburst“ schwingen, sind ein wunderschöner poetischer Zugewinn. Ärgerlich ist, dass, wenn aus der harmlosen Frühlings-Turtelei immer mehr Anspielungen auf heterosexuelle Paarungen erwachsen und diese eindeutig sexualisierten Anspielungen Geschlechterstereotype manifestieren, welche Frauen zu reinen Objekten reduzieren. Dabei ist das tänzerischen Bewegungsrepertoire so gewählt, dass die Tänzerinnen außergewöhnlich oft ihre Beine zu spreizen haben. Beispielsweise werden sie mit weit geöffneten Beinen von den Männern von hinten umfasst getragen, ihre weibliche Scham in kurzen Slips frontal dem Publikum präsentiert.

Und wenn dann im Weiteren martialisch auftretende Tänzer mit freien Oberkörpern, die Rücken zum Publikum, jeweils eine Tänzerin fest umfassen und das Publikum sieht nur die heftig zappelnden, gespreizten Beine und Arme der Tänzerinnen, die schließlich fallen gelassen werden, um zusammengesunken am Boden zu liegen, dann muss man sich fragen, was Jully sagen möchte. Sicherlich haben nicht wenige in diesem Bild sexualisierte Gewalt gesehen. Und was hat das mit den vier Jahreszeiten zu tun? In dieser ständigen schwarz-weißen Einseitigkeit der Geschlechterdarstellung erscheint dies einfach nur sexistisch. Dabei bietet „4 Seasons“ sicherlich mehr Themen, wie es schließlich auch das Programmheft verspricht. Der Applaus des Oldenburger Premierenpublikum war größtenteils begeistert. Doch vielleicht galt er einfach vielmehr den jungen Tänzerinnen und Tänzern und der großartigen „Imago Suite“.

Veröffentlicht am 03.10.2016, von Gastautor in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2016/17